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Ökofairer Konsum

Ein tolles Essen ist wahrhaft ein Genuss in Mund und Bauch. Doch wenn wir uns die ökologischen und sozialen Verwerfungen der Nahrungsmittelproduktion ansehen, kommt der Genuss im Kopf nicht auf. Und das ist nicht nur bei Nahrungsmitteln, sondern bei nahezu allen Gütern so. Können wir mit ökologischem und fairem Konsum unseren Genuss retten oder ist Konsumverzicht die eigentliche Lösung? Ist ökofairer Konsum nur etwas für spießige Lohas, bei denen lediglich deren höhere Zahlungsbereitschaft abgeschöpft wird? Und hat unser Konsum(verzicht) überhaupt einen Effekt? Diese Aspekte der Politik mit dem Einkaufswagen werden oft durcheinander diskutiert. Ich möchte Sie hier gern einzeln bzw. ergänzend angehen.

Konsum an sich ist für mich nichts Schlechtes. Wir haben Bedürfnisse und arbeiten deshalb, um sie zu befriedigen. Ohne Konsum würden wir verhungern, verdursten, erfrieren – Konsum ist lebensnotwendig. Aus Arbeit allein entsteht allerdings kein Produkt. Es werden immer auch Ressourcen gebraucht, die limitiert sind. Es gibt welche, die als endlich bezeichnet werden und im menschlichen Zeithorizont einfach irgendwann erschöpft sind. Und es gibt solche, die als erneuerbar bzw. nachwachsend bezeichnet werden. Aber auch letztere sind allein aus Platz- und Zeitgründen limitiert. Wenn die Ressourcen es sind, muss also auch der Verbrauch limitiert werden. Hier kann Konsumverzicht einen Teil dazu beitragen. Wir sollten uns also vor jedem Konsum fragen, ob wir dieses neue Kleidungsstück und diese Tasse Kaffee gerade wirklich brauchen. Dabei ist auch relativ egal, ob das ganze öko ist oder nicht. Zwar gibt es gewisse Unterschiede im Ressourcenverbrauch, aber eine Tasse Kaffee verbraucht nun einmal immer 140 l Wasser in der Herstellung – ob nun öko oder nicht! Da wird jedes Wassersparen zu Hause zur Farce! Hier geht es um die ökologische Grundkritik am (quantitativen) Wachstumsfanatismus. Wir können nicht mehr konsumieren als da ist. Das hat schließlich auch eine soziale Komponente. Können wir in Saus und Braus leben, während die Menschen in ärmeren Ländern dahinsiechen? Oder einfacher: Ist es fair, dass es Leute gibt, die mehrere Autos besitzen – die sie faktisch nicht alle (gleichzeitig) nutzen können – während andere nicht mal ein Rollstuhl haben? Aber Verzicht heißt nicht immer ohne etwas dazustehen. Zweite Hand z.B. bedeutet auch ein Verzicht auf überflüssigen Ressourcenverbrauch. Trödelmärkte, Zweite-Hand-Läden, Tauschbörsen und Ebay & Co. tragen ihren Teil dazu bei. So wird Abfall und energieintensives Recycling gespart. Und nicht vergessen – auch Verschenken ist ein Genuss!

Ein Konsumverzicht allein reicht nicht. Auch ein bisschen Gentechnik, Atomkraft, Chemie, Abgase etc. richtet dauerhaften und zum Teil irreversiblen Schaden an. Hier gilt es, den Stromanbieter zu wechseln, regional, saisonal und ökologisch Nahrungsmittel einzukaufen, ökofaire Kleidung zu tragen u.v.m. Aber nicht alles, auf dem Bio drauf steht, muss auch gut sein. Auch Bio-Fleisch verschlingt Unmengen an Flächen, Wasser und Lebensmitteln (von den ethischen Fragen einmal abgesehen). Konventionelles Tofu kann besser sein als Bio-Fleisch. Und der Effekt? Wenn wir etwas kaufen sind wir damit nachträgliche AuftraggeberInnen für dieses Produkt. Damit legitimieren wir dieses. Wir können einfach nicht ein Produkt kaufen, dass wir gleichzeitig kritisieren. Wir müssen ein anderes Produkt verlangen und dann werden wir es auch bekommen. Das ist der Vorteil, das Demokratische an der Marktwirtschaft. Die Verschiebungen in der Produktion hin zu ökofairen Gütern beweist den Erfolg dieser Strategie. Das führt zu Genuss im Kopf.

Die Wirtschaft kann immer nur so gut sein wie die Gesellschaft. Wenn wir unser Einkommen kapitalistisch profit-maximierend einsetzen, können wir nicht gleichzeitig von der Wirtschaft etwas anderes verlangen. Wenn wir wollen, dass die Wirtschaft bei der Produktion auf Mensch, Tier und Umwelt Rücksicht nimmt, müssen wir es auch beim Konsum tun. Es ist also eher eine Grundsatzentscheidung unabhängig vom Geldbeutel. Sie bedeutet allerdings eine Einschränkung, weil ökofaire Preise unser Einkommensbudget stärker belasten. Dies lässt sich zwar noch durch die richtige Wahl beeinflussen, indem man z.B. Lebensmitteln saisonal einkauft. Am Ende bleibt aber ein Verzicht, den Leute, die gerade genug zum Leben haben, sich nicht leisten können. Ob wir zu dieser Gruppe gehören und wirklich auf nichts verzichten können, müssen wir am Ende selber entscheiden. Ökofairer Konsum macht uns jedenfalls glaubwürdiger als jede tolle Aktion und jeder gute Flyer und wir haben schnelleren Erfolg als wenn wir warten, bis die Politik ökofaire Standards setzt.

Und noch zwei Sachen: 1. Je weniger wir konsumieren, umso mehr genießen wir es und 2. Jedes Eigentum belastet uns mit Verpflichtungen, die unsere Freiheit einschränken. Hey, und Freiheit ist auch ein Genuss!

Clemens Rostock